Leserbrief zum Artikel „Biberschicksal- Export oder Tod“ in der Deutschen Jagdzeitung 1/2006, S. 55

Wieder mal werden dem Biber in Bayern, sogar von (gar nicht zuständiger) landwirtschaftsministerieller Stelle „erhebliche Schäden“ zugeschrieben.

Dass der Biber in Einzelfällen auch mal größere Schäden anrichten kann ist unbestritten. Wie selten diese Fälle aber sind, zeigt die Presseberichterstattung: 1.500 Euro Schaden an einem in eine Biberröhre eingebrochenen Traktor sind so sensationell, dass aus ganz Bayern die Presse zusammenkommt, um darüber in Zeitung, Radio und Fernsehen zu berichten (allein die Reisekosten der Journalisten dürften bei einem Vielfachen des Biberschadens liegen).

Meistens bleibt aber wenig von den angeblich „erheblichen Biberschäden“, sobald man – und das dürfen auch Redakteure der Jagdpresse – mal genauer hinschaut.

Im Allgäu, der Wahl-Heimat von Landwirtschaftsminister Miller, berichtet eine Zeitung, mehrspaltig mit Bild, von „ausufernden Biberschäden“. Bei Überprüfung der Meldung besteht der ausufernde Biberschaden dann aus einem Fraßschaden an Mais in Höhe von etwa 6 (ja richtig, in Worten: sechs !!!) Euro.

Auch ist zunächst beeindruckend, wenn ein nordschwäbischer Teichbesitzer mit seinen selbstberechneten „zigtausend Euro“ Biberschäden von Zeitung zu Zeitung und Veranstaltung zu Veranstaltung tingelt, und fast überall willfährige und kritiklose Redakteure und Zuhörer findet.  Weniger beeindruckend ist die Tatsache, dass die „erheblichen“ Biberschäden bei dem Teichwirt sich vor allem daraus ergeben, dass er vom Biber gefällte Gehölze mit dem 500-fachen des tatsächlichen, nach Waldbewertungsrichtlinien ermittelten Wertes veranschlagt.

Besonders nachhaltig dokumentiert hat der Bayerische Bauernverband die erheblichen Biberschäden. Im Sommer 2002 forderte er seine Mitglieder auf, Biberschäden zu melden. Es kamen – aus ganz Bayern – einige Tausend Euro zusammen. In der Summe etwa das, was allein Rehe im Straßenverkehr in Bayern pro Stunde (!!) an Schäden anrichten.

Wie glaubwürdig es ist, wenn der Präsident des BJV „Millionenschäden“ durch Biber an Hochwasserdeichen im Raum Deggendorf beklagt, gleichzeitig aber – aus Unkenntnis oder bewusst - verschweigt, dass es sich nicht um Schäden handelt, sondern um Ausgaben zur Sicherung gegen Unterminierung der Deiche, kann jeder selbst beurteilen. Vor allem, wenn jeder Cent dieser Ausgaben auch ohne Biber notwendig ist, weil die Deiche auch durch den in Bayern jagdbaren Nutria untergraben werden.

Auch fallen bei Gemeinden sicherlich Kosten an, um Biberdämme aus Gräben zu entfernen, und den Wasserabfluss sicherzustellen. Ein Bürgermeister aus dem Landkreis Straubing-Bogen, der etliche Bibervorkommen in seinem Gemeindegebiet hat, ist aber so ehrlich, einzugestehen, dass die Beseitigung illegal abgelagerten Mülles ein mehrfaches der Biberarbeiten kostet (ob man jetzt, frei nach Minister Miller, in den Bestand der Müllverursacher „eingreifen“ sollte?)

Wenn man all den zweifellos vorhandenen realen Biberschäden jetzt entgegenstellt, was die Biber durch ihre Aktivitäten an Renaturierung, Lebensraumgestaltung und Hochwasserschutz leisten, übersteigt der Nutzen aus den Biberaktivitäten die vereinzelten Schäden um ein Vielfaches. Inzwischen auch dokumentiert vom Bayerischen Landesfischereiverband: im Bereich von Biberburgen liegen die Fischdichten bei bis zu dem 80-fachen als ohne Biber. Und Jäger einer nordschwäbischen Gemeinde haben, nachdem Biberdämme von der Gemeinde entfernt worden waren, ein künstliches Wehr errichtet, weil sie den zunächst vom Biber geschaffenen See – und wohl auch den damit entstandenen Lebensraum für Enten – nicht mehr missen wollten.

Am interessantesten ist jedoch, nach einem Jahrzehnt Bibermanagement, dass man mit Leuten, die wirklich Schäden durch Biber haben, meist zu einer gemeinsamen Lösung für Biber und Mensch kommt. Die „erheblichen Biberschäden“ kommen fast ausschließlich von einigen Polit- und Verbandsfunktionären, die gar keine Biberschäden haben, sondern das Thema, nachweislich auch mit bewussten Lügen und Verleumdungen, hochspielen, um sich dann als Retter vor dem Biber präsentieren zu können.

Was aus dem Ruder läuft, ist also nicht die Bibersituation, sondern, nach unten offen, das Niveau einiger Funktionäre und zuweilen auch der Wahrheitsgehalt von Presseberichten. 

Und das ein Jagdverbot an der – eh nicht - aus dem Ruder laufenden Situation Schuld sein soll? Wildschweine haben kein Jagdverbot, vermehren sich trotz – oder wohl eher wegen falscher – Jagd vielfach stärker als der Biber, und verursachen zigfach mehr Schäden als Biber, inclusive Toter und Verletzter. Allein die auf S. 11 in der DJZ 1/06 dokumentierten Schäden einer einzigen Wildschweinrotte dürften die jährlichen Gesamtschäden der Biber in Bayern übersteigen.

Jagdverbot als Grund für ausufernden Schäden beim Biber zu unterstellen, und damit anzudeuten, dass Jagd eine Lösung von Problem ist – in Anbetracht von jährlich Hunderten Millionen Euros Schäden durch jagdbare Arten, in Anbetracht von Dutzenden Toten und Tausenden Verletzten eine Behauptung, bei der die jagdliche Selbstbeweihräucherung den Realitätssinn wohl vollständig vernebelt hat.

Etwa mehr Ehrlichkeit bei der Berichterstattung über Biber würde sicherlich auch dem Ansehen der Deutschen Jagd Zeitung nicht schaden.

Gerhard Schwab
Deggendorfer Str. 27
D-94553 Mariaposching

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