Jägermeister’s Märchenstunde

(Leserbrief zu: „Die Jäger wollen keine Schädlingsbekämpfer sein“ in der Augsburger Allgemeinen v. 25.04.03; wegen Tippfehler verfälschter Teilabdruck in der AA v. 10.05.2003)

Zu den Äußerungen von Herrn Dr. Vocke könnte ich als Jäger, BJV-Mitglied und Naturschützer einiges sagen, ich möchte mich aber hier auf den zum Biber geäußerten Unsinn des Dr. Vocke  beschränken:

Der Biber ist in Deutschland zwar streng, aber nicht dogmatisch und hundertprozentig geschützt, wie z.B. fast 700 in den letzten Jahren in Bayern gefangene Biber zeigen. Hier hat der Jurist und Jäger Dr. Vocke offensichtlich erhebliche Schwierigkeiten, eigentlich recht einfache rechtliche Zusammenhänge zu verstehen, die normalerweise Grundlage der Jungjägerausbildung sind (Schutzstatus einer Tierart und Ausnahmen vom Schutz).

Auch vermehren sich die Biber in Bayern nicht explosionsartig. Der effektive jährliche Zuwachs einer Biberpopulation liegt bei 10-20%. Dies liegt ganz einfach daran, dass von 2-3 Jungen, die das erwachsene Weibchen einer Biberfamilie wirft, nur 1 Junges (davon – rein rechnerisch - nur 1/2 Weibchen) nach 2 Jahren die Geschlechtsreife erlangt, ein eigenes Revier und einen Partner findet und sich selber fortpflanzt.

Biber vermehren sich daher – solange freie Räume vorhanden sind - zwar stetig, aber langsam und nicht explosionsartig. Wenn alle Reviere besetzt sind, sinkt die effektive Vermehrung auf Null. Dies ist in einigen Gebieten Bayerns wo Biber seit über 30 Jahren vorkommen, bereits der Fall. Aber, nachdem ich selber Jäger und BJV-Mitglied bin, weiss ich aus eigener Erfahrung,  dass solche populationsdynamischen Kenntnisse in der Jägerausbildung (zumal von einer nicht jagdbaren Art) nur wenig gelehrt werden; es wäre daher wohl auch vermessen, anzunehmen, dass Jägerchef Dr. Vocke von diesen Zusammenhängen irgendwie oder irgendwoher eine Ahnung hat oder haben könnte.

Dass der oberste bayerische Jäger zwar wenig Ahnung von ökologischen Zusammenhängen hat, dafür aber Jägerlatein im Endstadium beherrscht, zeigt auch die Behauptung, die „explosionsartige“ Vermehrung des Bibers sei darauf zurückzuführen, dass Biber nicht bejagt werden.

Wildschweine dürfen bejagt werden, der Bestand hat in den letzten Jahren sich trotzdem (und sogar WEGEN falscher Bejagung) vervielfacht; der Fuchs, Überträger des gefährlichen Fuchsbandwurms, darf gejagt werden, und kommt trotzdem mitten in Städten vor; der Nutria, ein aus Südamerika stammender Nager, der ebenso wie Biber durch seine Grabaktivitäten Dämme und Deiche gefährden kann, darf gejagt werden, und ist im Isarmündungsbereich bei Deggendorf (dort wo die Biber angeblich die Millionenschäden in den Hochwasserdeichen verursachen) viel zahlreicher als der Biber. Der Jäger, der sich aktiv den Problemen stellt? Den Problemen stellen vielleicht ja, aber Probleme lösen wohl eher nein.

Dass Biber in Einzelfällen durch ihre landschaftsgestaltenden Aktivitäten auch mal größere Schäden verursachen können, ist unbestritten, aber ihn deshalb gleich als „Schädling“ zu klassifizieren? Deutlicher kann Herr Dr. Vocke nicht dokumentieren, dass sein Naturverständnis sich auf dem Niveau der Mitte des vorvorletzten Jahrhunderts befindet: welch Armutszeugnis für den obersten der grünen selbsternannten Abiturienten.

Abgesehen davon ist der Begriff „Schaden“ immer auch Ansichtssache und Zeichen einer gewissen Art von Naturverständnis. Ist eine durch einen Biberdamm vernässte Fläche ein Schaden (auf einer von einem Privatbesitzer genutzten Fläche sicherlich erst mal ein Ertragsausfall, wie groß oder gering auch immer) – oder ein Feuchtbiotop, für das eine Gemeinde ansonsten Hunderttausende Euros für Planung und Gestaltung ausgeben müsste? Hier hat der Dr. Vocke als Vorsitzender des BJV offensichtlich ein erhebliches Problem mit sich selbst: der Bayerische Jagdverband, bzw. die ihm angegliederte Wildland GmbH kauft gerne angeblich biber“geschädigte“ Flächen - mit massiver staatlicher Förderung - und stellt dann das Ganze in der Presse dann als „praktischen Naturschutz“ der Jäger dar.

Wenn’s sonst keinen Grund gäbe, über eine Novellierung des Jagdsystems nachzudenken, das von Jägerchef Dr. Vocke dargelegte ökologische Unwissen und überholte Schädlings-Nützlings-Denken der Jäger (sicherlich nicht aller, zum Glück gibt’s auch viele Nicht-Vockes) wäre Grund genug.

Gerhard Schwab, 18. Mai 2003

 

Das Interview mit Dr. Vocke in der Augsburger Allgemeinen

 

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